Eines Samstag morgens, gegen 12.00Uhr wurde ich aus dem Schlaf geklingelt. An meiner Tür stand ein Zeuge Jehovas und wollte mit mir über unsere Welt reden.
Schätzungsweise 95% hätten ihm die Türe wohl vor der Nase wieder verschlossen, aber da ich jederzeit offen für neue Ansichten bin habe ich mich mindestens eine Stunde echt gut mit diesem Mann unterhalten, auch wenn unsere Ansichten an vielen Stellen nicht übereinstimmen.
Die Aufgabe die Zeugen Jehovas in ihrem Leben nachgehen ist es, möglichst viele “verlorene Schafe” zurück zur Herde zu bekommen.
Was weiß bzw. wusste ich über diese Glaubensgruppierung? Wahrscheinlich könnte man meine Ansicht mit “fanatische Sekte” relativ präzise beschreiben, ein Glaubenssatz gebildet durch Erziehung in einer mehr oder weniger streng katholischen Familie.
Ein Glaubenssatz, den ich seitdem ich mich aktiv mit Persönlichkeitsentwicklung beschäftige
noch nicht überprüft habe, wie mir zu diesem Zeitpunkt bewusst wurde.
Es muss einen Grund geben, warum Menschen (in Deutschland immerhin ca. 165.000 (
Wikipedia)) sich dieser Gruppierung anschließen. Es kann also nicht nur schlecht sein, was sie predigen.
Also beschloss ich, dem ganzen offen gegenüberzustehen, kritisch aber fair.
Wer einem Zeugen Jehovas gegenüber einmal Interesse zeigt, der wird automatisch immer wieder besucht, habe ich das Gefühl, zumindest ist es bei mir so 
Dabei bin ich gar nicht so an der Lehre interessiert, sondern mehr an dem Menschen, was jemanden motiviert einer “Sekte” (die Einordnung kann jeder für sich vornehmen, meiner Meinung nach ist dieser Begriff zu sehr vorbelastet um ihn zu nutzen) beizutreten.
So kam es dazu, dass ich mich zwischen Tür und Angel noch mehrere Male mit diesem Menschen unterhielt und wir für heute ein Treffen bei ihm zu Hause ausmachten, da ich das nicht in meiner Wohnung machen wollte.
Um 17.00Uhr traf ich wie verabredet ein, betrat eine sehr altmodisch eingerichtete Wohnung, etwa wie die meiner Großeltern.
Das Thema dieser Sitzung, was von dem “Zeugen” vorgeschlagen wurde, nach dem er sich erkundigt hatte, indem er mich auf einer Liste von Themen das aussuchen ließ, dass mich näher interessierte, war “Geister – wie sie uns im alltäglichen Leben beeinflussen”.
Ich habe persönlich bisher keine paranormalen Erfahrungen gemacht, zumindest habe ich keine meiner Erfahrungen in meinem Leben bisher so gedeutet, was vor allem daran liegt, dass ich bis vor ca. einem halben Jahr ein sehr materialistisches Weltbild hatte, in dem Geister nicht existent waren.
Heute schließe ich die Existenz nicht mehr aus, aber ich entsprechende Erfahrungen kann ich trotzdem nicht vorweisen.
An dieser Stelle möchte ich noch ein paar Worte zu den Zeugen Jehovas verlieren, worauf ihr Glaube aufbaut:
Alles wonach sich diese Menschen richten ist die Bibel, das “Wort Gottes”.
Wer verstehen will und glauben will, was sie predigen muss also erst einmal die Bibel uneingeschränkt als Wort Gottes anerkennen.
An diesem Punkt scheitert es bei mir auch schon. Ich glaube, dass es
möglich wäre, dass die Bibel tatsächlich der Wille Gottes ist, aber ich stelle das in Frage.
Das es möglich ist die Bibel in Frage zu stellen, schien für meinen Gesprächspartner gar keine mögliche Option zu sein. Denn die Bibel erklärt die Geschichte und die Gegenwart in derart präziser Art und Weise, dass man an ihrer Wahrhaftigkeit gar nicht zweifeln könne.
Ich muss sagen die Arbeit mit der Bibel versteht dieser Mann wirklich wie kein anderer, (fast) egal zu welchem Thema, in Windeseile konnte er immer eine passende Textpassage finden und zitieren.
Auch die Taten Jesu (sofern sie denn so stattgefunden haben, wie sie in der Bibel stehen), wären ein
Beweis für die Existenz Gottes und das die Bibel seinen Willen ausdrücke.
Das es kein Beweis ist, will ich an dieser Stelle nicht weiter ausführen.
Trotzdem will ich sagen: wer Zeuge Jehovas ist, ist glücklicher als der “Durchschnittsmensch”.
Die Religion gibt ihnen einen Auftrag und damit ein Sinn für ihr Leben: Mehr und mehr Menschen, die die “wahre Bestimmung” noch nicht kennen aufzuklären bzw. zu missionieren und ihnen damit den Weg in das ewige Leben zu ebnen.
Die Werte, die die Zeugen Jehovas vertreten sind vorbildlich und wenn jeder Bürger nach ihnen leben würde, hätten wir nur noch einen winzigen Bruchteil der Probleme, die wir jetzt haben in unserer Gesellschaft.
Sie verpflichten sich der Wahrheit und der Gerechtigkeit. Als Zeuge steht “Gott Jehova” bereit, der auch beobachtet, falls man nachts, wenn keine Menschenseele mehr auf den Beinen ist über eine rote Ampel fährt. Für einen Zeugen Jehovas undenkbar, denn er achtet die Gesetze des Staates (falls sie nicht mit den Gesetzen ihres Gottes in Widerspruch geraten), auch wenn er selbst unpolitisch bleibt um seiner Missionstätigkeit nachzugehen.
Genauso wird man kein Mitglied dieser Religion bei irgendeiner Armee dieser Welt antreffen können.
Wie gesagt: wenn sich alle Menschen so verhalten würden, dann bräuchte man seine Haustüre nicht mehr abzuschließen, man bräuchte keine Gesetze mehr und vieles mehr.
Ist das das Paradies, in das man gelangen soll, wenn man sich ausschließlich nach der Bibel richtet?
Bin ich nun ein Zeuge Jehovas geworden?
Beides kann ich verneinen.
Wenngleich ich viele Werte teile – auch ich will immer bei der Wahrheit bleiben (was oft schwieriger ist, als es sich zuerst anhört) und auch ich stelle die “allumfassende Liebe” als Grundgebot auf, der ich in meinem Leben folgen möchte – gibt es einige nicht unerhebliche Kritikpunkte.
Ich habe festgestellt, dass die ursächliche Motivation “meines” Zeugen Jehovas dieser Gruppe beizuwohnen folgende war: ANGST!
Das möchte ich näher erklären und dabei noch eine weitere Inkonsistenz im Konzept aufdecken:
Die “allumfassende Liebe”, wie sie in der Bibel gepredigt wird, besagt unter anderem: “Nachsicht” gegenüber anderen Menschen.
Die Nachsicht von Jehova ist aber mit einem Zeitlimit versehen. Wer bis zu einem bestimmten Ultimatum, das zeitlich nicht näher bekannt ist, aber in der nahen Zukunft liegen soll, kein Zeuge Jehovas ist, der wird mit der breiten Masse in die “Verderbnis stürzen”. Denn dann wird das “tausendjährige Königreich” existieren, zu dem nur den Zeugen Jehovas Zutritt haben werden.
Ist das Nachsicht? Ist das allumfassende Liebe?
Alle Menschen, die alle versuchen das beste in ihrem Leben zu erreichen, aber nicht den Zeugen Jehovas beitreten sollen nicht an dem Paradies teilhaben?
Jeder der kein “Zeuge Jehovas” ist, hat seine eigenen, ganz speziellen Gründe dafür. Es ist keine Boshaftigkeit gegenüber Gott, so er denn existiert. Jeder versucht sein bestes. Für den einen heißt das, dass er Banken ausrauben will, für den anderen, dass er eine Wohltätigkeitsorganisation gründet.
Man muss schlechte Taten nicht gut heißen, aber man kann sich sicher sein: die Person dahinter hat immer ein gutes Motiv. Sei es, dass sie sich selbst bereichert, ihre eigenen Gefühle verbessert, Aggressionen abgebaut werden etc.
Man kann diese Personen nicht dafür verurteilen, dass sie auf einer geringen Bewusstseinsstufe leben (wohl aber ihre Taten).
Deshalb kann man auch nicht sagen, dass es gerecht ist, dass diese Menschen in die Verderbnis stürzen, während die, die sich dafür entscheiden ein Zeuge Jehovas zu sein in ein Paradies gelangen.
Es dürfte nun klarer sein, warum mein Gesprächspartner ein Zeuge Jehovas ist: er will Anteil am Paradies haben und er hat Angst davor, dass wenn er nicht so lebt, dass er dann in die “Verderbnis” stürzt.
Die Liebe, wie sie in der Bibel beschrieben wird, kann er an diesem Punkt aber schon nicht mehr erreichen.
Wofür würde er das denn alles machen, wenn es sich nicht lohne?
Der in Aussicht gestellte Lohn ist die antreibende Kraft und nicht die Liebe selbst, wie es aber sein müsste.
Wenn es keine Belohnung gäbe, dann wäre es doch wesentlich angenehmer das Leben eines Bankräubers zu leben. “Dann würde das doch jeder so machen”.
An diesem Punkt muss ich feststellen, dass sich die Bibel widerspricht. Es kann nicht gleichzeitig eine allumfassende Liebe geben und eine “Gerechtigkeit”, in der die “Guten” belohnt werden und die “Bösen” bestraft.
Die Antwort, warum nicht jeder zum Bankräuber wird, auch in einem System ohne Belohnung ist, dass jeder das beste aus seinen Möglichkeiten und seinem Leben macht.
Wer eine höhere Bewusstseinsstufe erreicht, der stellt fest, dass es eine weitaus tiefer gehende Befriedigung ist, wenn man sich selbst und die Umwelt glücklich macht. Mehr sogar, dass das Glück anderer der Schlüssel zum eigenen Glück sind.
Das hat ein Bankräuber nicht verstanden. Er handelt aus Angst, nicht genügend Geld zu haben und weiß nicht, dass ihn das Geld nicht glücklich machen wird.
In einer Studie wurde festgestellt, dass die glücklichsten Menschen der Welt von der Pazifikinsel Vanuatu stammen sollen.
Ich nehme an, dass auch diese Ureinwohner in die Verderbnis stürzen sollen.
Abschließendes Fazit: es ist sehr interessant sich mit jemanden über philosophische Fragen zu unterhalten, der daran ebenso interessiert ist, wie ich es bin.
Die Zeugen Jehovas sind zumindest für mich aber keine Lösung, aus den oben genannten Gründen.
Trotzdem ist es meiner Meinung nach aber ein schlüssigeres Konzept, als es beispielsweise von der römisch-katholischen Kirche verkauft wird. Was nichts weiteres bedeutet, als das man die Zugehörigkeit zu dieser Gruppierung auch zumindest einmal überdenken sollte.
Gut ist, was glücklich macht. Wer diesem Grundsatz folgt und zu sich selbst ehrlich ist, der wird nichts falsch machen
In diesem Sinne alles Gute
Raphael