Lernblockaden
Schon seit meiner Grundschulzeit gehören Hausaufgaben zu meinen unbeliebtesten Beschäftigungen. Oder sollte ich besser sagen Beschäftigungstherapien?
Daran hat sich bis heute nichts geändert und ich bin inzwischen Student.
Immer wenn es bisher darum ging Aufgaben bis zu einer bestimmten Frist zu erledigen, dann habe ich mich so spät wie möglich darum gekümmert.
Betroffen von dieser Blockade sind nicht nur schriftliche Aufgaben, von denen ich weiß, dass sie kontrolliert werden, sondern vor allem auch das Lernen vor Klausuren und Arbeiten.
Obwohl die Termine für Klausuren immer schon mehrere Monate vorher fest stehen, habe ich immer erst am Abend davor angefangen zu lernen.
Ungeachtet, ob es sich dabei um die mündliche Abiturklausur in Geschichte, eine Leistungskursklausur in Physik etc. handelte…
Dieses Problem verfolgt mich also schon mein gesamtes Leben und ich habe es bis vor kurzem noch nie ernsthaft in Angriff genommen.
Gute Vorsätze diesbezüglich hatte ich oft genug: “Wenn ich in die Kollegstufe komme, dann ändere ich mein Lernverhalten”, oder “An der Uni wird alles anders”.
Natürlich wurde von selbst nichts anders, das kennt wohl jeder von seinen Sylvester-Vorsätzen
.
An der Schule hatte ich oft die Ausrede, dass mich der Stoff ja nicht interessiere. Das ist bei meinem Studiengang jetzt (Wirtschaftsinformatik) aber nicht mehr der Fall. Im Gegenteil, ich finde den Stoff sehr interessant, kann an vielen verschiedenen Stellen die Parallelen zur praktischen Anwendung herstellen, so dass es mir auch vernünftig erscheint mir dieses Wissen anzueignen.
Ein guter Vorsatz allein ändert kein Verhalten, dass über mehrere Jahre zur festen Gewohnheit geworden ist. Aber es ist der erste Schritt. Bevor ich einen Schritt in eine neue Richtung tätigen kann, muss ich mich zuerst entscheiden, wohin ich gehen will.
Doch wo ist überhaupt das Problem, mit meinem Lernverhalten, warum bin ich unzufrieden?
Es hat doch immer sehr gut funktioniert, mein Abitur ist überdurchschnittlich gut und ich habe bisher mein Leben mit nahezu minimalem Lernaufwand bewältigt.
Das ist soweit richtig, allerdings war meine Motivation zum lernen immer Angst.
Angst hört sich im ersten Moment sehr krass an, in diesem Punkt stimmt es aber trotzdem, wobei es sich um eine Form von unbewusster Angst handelt.
Inwiefern Angst die Motivation zum lernen sein kann, möchte ich gerne näher erklären.
Angst als Motivation
Man trägt das Wissen, dass man eine Arbeit noch zu erledigen hat ständig mit sich herum und weigert sich dagegen anzufangen, solange es geht.
Dadurch kann massiver psychischer Stress entstehen, der in der Situation selbst vielleicht gar nicht bewusst wird oder bei dem die Ursache zumindest unklar ist. Neben emotionaler Unausgeglichenheit hat Stress immer auch körperliche Folgen. Man wird leichter und öfters krank, man verspürt oft einen Druck im Bauch…
Irgendwann wird der Druck (wie man sieht ist diese Redewendung durchaus auch wörtlich zu verstehen) größer als der Widerstand gegen das Lernen.
Es gibt zwei unterschiedliche Gründe, die den Stress verursachen.
Einerseits ist das die schwindende Zeit. Je länger man wartet, desto näher rückt die Deadline und desto schwieriger erscheint die Aufgabe. Man kann das Gefühl damit vergleichen, dass man auf eine Wand zu fährt, aber nicht weiß wie man bremsen kann. Die einzige Möglichkeit sich aus dieser immer weiter zuziehenden Schlinge herauszuwinden ist es sich an die Arbeit zu machen.
Der zweite Grund, weshalb man zunehmend in Bedrängnis gerät ist das näher rücken der Konsequenzen. Wenn man für eine Klausur lernen möchte, dann stellt man sich vor, wie man vor seinem Blatt sitzt und nicht das nötige Wissen hat. Oder es ist “nur” der Rüffel des Lehrers, der dann meistens eine schlechte Zukunft prognostiziert, dass man mit dieser Einstellung auf dem Arbeitsmarkt keine Chance habe etc….
Unterschiede zwischen positiver und negativer Motivation
Wenn mich der Stress dazu nötigt mit dem Lernen zu beginnen, so bezeiche ich diese Art der Motivation als “negative Motivation”.
Dabei ist es nicht wichtig ob der Lern”zwang” schon ein paar Wochen vor einer Prüfung beginnt, oder erst am Abend vorher, wie es bei mir z.B. der Fall ist. Der Punkt ist, dass der eigentliche Anreiz für das Lernen die Angst ist.
Wenn man von einer “positiven Motivation” geleitet wird, dann geht das Lernen wie von alleine. Man wird sich dann sogar auf das Lernen freuen. Man interessiert sich dafür welche Ansichten andere Menschen schon zu einem interessanten Themengebiet gemacht haben und die Prüfung wird man später mit Bravour meistern, da man besser mit dem Stoff vertraut ist als der Lehrer.
Das Gehirn kann neue Informationen wesentlich besser verarbeiten und abspeichern, wenn man sich in einer positiven Gefühlslage befindet. Vielleicht kennst du das aus deiner Kindheit, dort hat man viele Dinge spielerisch gelernt. Für mich war es nie ein Problem mit Computern umzugehen, wenn Komplikationen auftraten, dann habe ich mich solange damit beschäftigt, bis ich sie gelöst habe. Viele Menschen haben aber schon mit den (für mich) einfachsten Bedienungsschritten große Schwierigkeiten.
“Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmer mehr.”
Dieser Spruch ist mir aus meiner Kindheit noch gut im Gedächtnis geblieben und ich bin heute überzeugt, dass er stark damit zusammenhängt, WIE Erwachsene lernen.
Der neue Stoff hängt für sie oft mit ihrem Beruf zusammen und dadurch “müssen” sie oft etwas lernen, woran sie kein echtes Interesse haben. Eine negative Motivation also, denn es wird erwartet, dass sie etwas lernen und dabei noch gut abschneiden.
Dieser Erfolgsdruck führt dazu, dass das lernen eben nicht mehr “kinderleicht” funktioniert - leider.
Neben den bisher genannten allgemeinen Grundlagen, warum man wie lernen sollte möchte ich nun näher darauf eingehen, was meine persönlichen Lernblockaden in der Vergangenheit waren und teilweise auch heute noch sind.
Wie man die das Lernen positiv angehen kann, wenn zuerst einmal eine negative Motivation vorliegt (bspw. der Auftrag etwas lernen zu müssen), darauf gehe ich in einem anderen Eintrag näher ein.
Ich habe mich in den letzten Wochen eingehender mit dem Thema lernen beschäftigt und habe vor allem auch nach den Gründen bzw. Glaubenssätzen gesucht, die mich vom lernen abgehalten haben.
Dabei sind mir zwei Glaubenssätze bewusst geworden, über die ich selbst überrascht war, von denen ich aber überzeugt bin, dass sie eine tragende Rolle spielen. Vielleicht hast du ja ähnliche veraltete, einengende Glaubenssätze, die du ablegen möchtest?
Rational betrachtet entpuppen sich die Gedanken schnell als absolut kontraproduktiv.
Wenn ich keine Hausaufgaben/ Übungen anfertige, dann muss ich mich auch keinen Fehlern stellen
Dieser Punkt ist recht offensichtlich. Wenn ich nicht überprüfe, wie mein Wissensstand ist, dann werde ich es auch nicht herausfinden. Die Unkenntnis von meinen Wissenslücken ändert aber nichts daran, dass sie trotzdem vorhanden sind.
Für mich ist dieser Glaubenssatz erschreckend und sein Erkennen sehr wichtig. Denn ich möchte meinen Fortschritt nicht verleugnen. Das findet hier aber statt. Es wird eine Illusion aufgebaut, die mit der (/meiner) Realität nicht mehr viel zu tun hat.
Damit verleugne ich nicht nur meinen Fortschritt, sondern auch mich selbst. Ich stehe an dieser Stelle nicht dazu, was ich bin und was ich kann. Das ist keine gute Voraussetzung um sich zu verbessern.
Es gibt genügend Beispiele, die zeigen, dass man es auch ohne Lernaufwand schaffen kann
Nicht zuletzt meine eigene Vergangenheit hat mir gezeigt, dass es für mich möglich ist Klausuren nur über das Kurzzeitgedächtnis “gut” (das bedeutet mindestens besser als der Durchschnitt) zu bestehen. Wahrscheinlich hat nicht jeder diese Erfahrungen gemacht und für viele würde es wahrscheinlich auch nicht funktionieren.
Meine Professoren behaupten, dass man mit diesem Verhalten an der Uni kein Erfolg mehr haben könne. Diese Aussage habe ich bisher von jedem Lehrer in einer neuen Jahrgangsstufe gehört und bisher war sie immer falsch. Ich bin überzeugt, dass das auch für die Uni gilt.
Auch wenn ich “weiß”, dass ich es mit meinen bisherigen “Lernmethoden” schaffen würde, gibt es einige gute Gründe, die dagegen sprechen sie weiterhin anzuwenden. Weiter oben habe ich sie ja schon genannt.
Änderung von unvorteilhaften Glaubenssätzen bzw. “Reframing”
Der erste Schritt, wenn man erkannt hat, dass man eine unvorteilhafte Gewohnheit ändern möchte ist es zu akzeptieren, dass das bisherige Verhalten auch Vorteile hatte und dass es einen Zweck erfüllt hat.
In meinem Fall lassen sich zwei Vorteile aus den oben genannten Glaubenssätzen ableiten.
Mit meinem bisherigen Verhalten brauchte ich effektiv sehr viel weniger Zeit zum Lernen, als ich es in Zukunft brauchen werde. Außerdem brauchte ich mich meinen Fehlern nicht stellen. Ich konnte die Illusion aufrecht erhalten, dass ich den Stoff jederzeit gut beherrschte, was allerdings ein Trugschluss war, denn die Aufgaben von anderen nachzuvollziehen braucht sehr viel weniger Verständnis, als das eigenständige Anfertigen.
Als nächstes ist es wichtig Glaubenssätze zu finden, die die gleiche Funktion erfüllen, wie die bisherigen.
Die Anforderungen an die neuen Glaubenssätze ist es, dass sie den gleichen Zweck erfüllen, wie die alten.
- der Wert meiner Zeit wird beachtet und geachtet
- ich kann mich gut fühlen,obwohl ich Fehler mache
Schauen wir noch einmal näher auf die bisherigen Gedankengänge und überprüfen, ob sie überhaupt akkurat sind.
Achte ich den Wert meiner Zeit, wenn ich meinen Lernaufwand minimiere? Offensichtlich habe ich das bisher angenommen.
Bei genauerer Betrachtung entpuppt sich diese Annahme aber als Trugschluss, denn die Zeit, die ich einsparen kann, ist in ihrem Wert erheblich gemindert. Ich laufe Gefahr das Gefühl zu bekommen, dass meine Aufgaben “wie ein Berg” vor mir stehen, da ich sie alle am Horizont sehe, aber nicht abarbeite. Dadurch ist es sehr viel schwieriger sich auf eine Aufgabe zu fokussieren, besonders wenn mehrere Aufgaben ähnlich wichtig sind.
Man weiß nicht mehr wo man anfangen soll. Die Folgen sind Ziellosigkeit und Demotivation.
Das heißt: ich habe meine Zeit bisher weniger geschätzt, als ich es in Zukunft tun werde, wenn ich mir erlaube kontinuierlich zu lernen.
Des weiteren sollte beachtet werden, dass die Zeit, die man mit dem Lernen füllt alles andere als sinnlos verbraucht ist, insbesondere wenn der Stoff interessant ist. Viel Wissen zu haben ist ein “Geschenk”, dass niemand wegnehmen kann.
(Man beachte die positive Motivation zum Lernen!)
Glaubenssatz Nummer eins in neuer “Version”:
Durch kontinuierliches Lernen kann ich in Zukunft meine Zeit wesentlich besser achten, als bisher.
Während ich lerne ist meine Zeit sehr sinnvoll genutzt und die restliche Freizeit, von der immer noch mehr als genug übrig bleibt kann ich wesentlich befreiter und glücklicher nutzen als bisher. Indem ich mich auf das Lernen freue, weil ich neues Wissen, dass viele andere Menschen vor mir für mich ausgearbeitet haben lese und deren Gedankengänge nachvollziehe, werde ich das neue Wissen auch wesentlich besser aufnehmen können.
Man kann das spielerische Lernen also neu erlernen
Der zweite Punkt, der weiterhin beim kontinuierlichen Lernen gewährleistet werden soll ist, dass ich mich gut fühlen kann, auch wenn ich Fehler mache.
Egal wobei die Fehler auftreten, sie resultieren immer aus dem noch nicht gelernten Wissen.
Zum Beispiel weiß ich nicht, wie man eine Brücke über eine tiefe, breite Schlucht baut. Alle Fehler, die ich beim Bau einer solchen Brücke nun machen würde, entstehen eben dadurch, dass ich nicht weiß wie man sie vernünftig baut.
Nicht auf Grund des Wissens, das ich schon habe.
Wenn ich mir nun Literatur dazu kaufe, mich einlese und mich dann an das bauen der Brücke mache, dann werde ich höchstwahrscheinlich immer noch einige Fehler machen, da ich damit keine Erfahrung habe.
Diese Erfahrung ist das Wissen, das mir noch fehlt.
Die Feststellung, dass man keine Fehler macht, weil man lernt, sondern weil man noch nicht genug gelernt hat ist extrem wichtig.
Fehler zeigen Unvollkommenheiten im Wissen an. Sie entstehen nicht dadurch, dass man lernt oder Aufgaben macht. Sie sind immer da, nur sie zeigen sich nicht immer.
Je früher ich weiß, wo ich welche Fehler mache, desto eher weiß ich, was ich noch lernen möchte. Ich möchte alle Fehler, die ich in meinem Leben noch machen werde möglichst schon heute kennen, damit ich daraus lernen kann.
Der zweite neue Glaubenssatz, der sich hier herauskristallisiert kann so formuliert werden:
“Meine” Fehler sind nützliche Begleiter, die mich darauf hinweisen, wo ich noch mehr lernen kann. Ich freue mich über jeden zum Vorschein getretenen Fehler, da er mir viel über mich und mein Wissen lehrt. Je mehr Fehler ich entdecke, desto besser.
Ich werde weiterhin berichten, wie es um meine Lernmotivation und den Fortschritt auf diesem Gebiet steht.
Viel Spaß und Vertrauen in deine Fähigkeiten wünsche ich dir, bei der Überwindung deiner Lernblockaden!
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Hast du gelernt, wie es ist, wenn jemand wichtiges aus deinem Leben scheidet, so kannst du damit besser umgehen, sollte es, dramatischerweise nocheinmal passieren.
Hier darf man natürlich nicht pauschalisieren, doch es wird einem um einiges leichter fallen, etwas zu bestehen mit dem man Erfahrung gemacht hat, als wenn man damit keine hat.
Daraus kann man also schließen, dass Erfahrungen, die man im Leben macht, mit Wissen gleichzusetzen sind.
Eben jenem praktischen Wissen, was es anzueignen gilt.
Und das in allen möglichen Weisen. Ob es nun um den Tod geht, oder um Berufsrückschläge, oder was auch immer.
Dies zu erkennen, muss dem Menschen bewusst werden, dann wird er erleichterter sein. Wenn man sich sagt, man möchte mit so vielen verschiedenen Arten von Ereignissen konfrontiert werden, und sich immer das positive daran herausziehen, dann kann man sagen, dass solche Fehler oder Rückschläge, auch gut sind für die Formung einer Persönlichkeit.
Erst dann, wird man wirklich frei, und wirklich “wissend” sein, so wie du beschreibst
Hab mir darüber ja auch schon Gedanken gemacht, wie du dir ja sicher denken kannst, aufgrund persönlicher Ereignisse in der Vergangenheit
Netter beitrag, hat mich heut Nacht tatsächlich nochmal zum Nachdenken über damalige Zeiten und mein Weltbild angeregt.
Bis denn
Sven