Einer von diesen wenigen Glücklichen war ich
Nein, wirklich – es war meine freie Entscheidung zur Bundeswehr zu gehen.
Es ist nicht schwierig einen Verweigerungsantrag zu schreiben, wenn man lieber Zivildienst machen möchte – von “einziehen” kann also nicht mehr die Rede sein. Wer lieber Zivildienst machen möchte, der hat normalerweise keine Schwierigkeiten es durchzusetzen.
Dabei besteht im deutschen Gesetz diese Wahlmöglichkeit nicht.
Gemäß § 1 Wehrpflichtgesetz (WPflG) sind alle Männer vom vollendeten 18. Lebensjahr an wehrpflichtig, die Deutsche im Sinne des GG sind.
Nach den Grundrechten im Grundgesetz darf niemand gegen sein Gewissen zum Kriegsdienst mit der Waffe gezwungen werden. Die Kriegsdienstverweigerer müssen dann einen Wehrersatzdienst bzw. Zivildienst leisten. Eine immer wieder fälschlicherweise angenommene Wahlmöglichkeit zwischen Grundwehrdienst und Ersatzdienst besteht nicht. Grundsätzlich ist der Grundwehrdienst abzuleisten.
Es ist besteht kein Wahlrecht. Dabei sind die häufigsten Gründe pragmatischer Natur: welcher Dienst ist angenehmer, worauf habe ich mehr Lust?
Es ist ausschließlich eine Frage des Gewissens:
Kann ich es mit meinem Gewissen vereinbaren, ein anderes menschliches Leben auszulöschen, wenn ich in eine entsprechende Lage komme und die Anweisung dazu erhalte.
Unter Umständen nimmt man damit einem Menschen das Leben, der keine Wahl hatte an diesem Krieg teilzunehmen. Ein Mensch mit einem Namen, einem Alter, Erfahrungen, Freunden, einer Familie, Kindern etc.
Kann ich DIESEN – im speziellen Fall, der eintreten könnte und nicht “irgendeinen” – Menschen erschießen?
Diese Frage musst du für dich beantworten.
Meiner Erfahrung nach macht es ein Großteil nicht von dieser Antwort abhängig, sondern entscheidet auf Grund von Bequemlichkeit, oder Erwartungen die andere an ihn stellen.
Solltest du diese Frage mit einem NEIN beantworten, dann wird es wohl eine einfache Entscheidung:
Du lässt dich beim Kreiswehrersatzamt (KWEA) mustern und wartest das Ergebnis ab.
Ab der Tauglichkeitsstufe 3 (T3) wird niemand mehr zum Wehrdienst eingezogen. In diesem Fall braucht dann gar kein Dienst abgeleistet zu werden. Natürlich kann man über ein freiwilliges soziales Jahr nachdenken, aber man hat keine Verpflichtungen dem Staat gegenüber.
Für den Fall, dass du die oben gestellte Frage nicht eindeutig mit Nein beantworten kannst bist du -eigentlich- wehrpflichtig.
Trotzdem kann man heutzutage sagen, dass faktisch eine freie Wahlmöglichkeit besteht. Ich habe mehrmals von meinen vorgesetzten Ausbildern bei der Bundeswehr folgenden Spruch gehört “ihr seid alle freiwillig hier, also könnt ihr auch was leisten”.
Die freie Entscheidung ist also anerkannt, da nurnoch so wenige Wehrpflichtige benötigt werden, dass man diesen Bedarf auch mit “Freiwilligen” abdecken kann.
Die tatsächliche, praktische Entscheidung ist im Endeffekt doch wieder:
Was mache ich lieber, oder woraus ziehe ich einen größeren Nutzen?
Auch wer nicht auf andere Menschen schießen will (und würde(!?)) kann seine Wahl nach diesem Gesichtspunkt treffen.
Es ist von heute aus gesehen äußerst unwahrscheinlich, dass ein Wehrpflichtiger für einen Ernstfall herangezogen werden muss. Die klassische Art der Kriege, wo dutzende Infanteristen auf die Stellungen des Feindes zustürmen, wird es hier bei uns mit allergrößter Wahrscheinlichkeit nicht mehr geben.
100% ist sie natürlich nicht, aber meiner Meinung nach groß genug um sagen zu können: auch wer nicht auf andere Menschen schießen will (wer will das schon?) sollte sich darüber Gedanken machen, ob die Bundeswehr ihm nicht bessere Erfahrungen bietet, als der Zivildienst.
Meine Entscheidung war es zur Bundeswehr zu gehen. Zum 01.07.2005 wurde ich zur Allgemeinen Grundausbildung (AGA) in das Luftwaffenausbildungsregiment 3 in Germersheim – 12. Kompanie einberufen.
Für drei Monate leistete ich dort meine Allgemeine Grundausbildung (AGA) ab, bevor es für weitere sechs Monate nach Büchel (bei Cochem, bei Koblenz) in die Luftwaffensicherungsstaffel “S” (LwSichStff “S”) ging.
Doch warum zur Bundeswehr? Gehen dahin nicht nur Nazis?
Falsch!
Das ist der erste Punkt warum ich zu diesem “Verein” wollte: Erleben, wie es dort wirklich ist!
Man hört so viel über die Bundeswehr, sehr viel negatives, unglaubliche Geschichten, von Saufgelagen und und und…
Das vieles davon übertrieben ist kann man auch als Außenstehender feststellen, aber was die Tatsachen sind kann man nicht nachfühlen, wenn man es nicht selbst durchlebt hat.
Und die habe ich gemacht!
In meiner Familie war in dieser Generation bisher niemand zum Bund gegangen und man kann sagen, dass man es von mir auch nicht erwartet hat, als “bravem Schüler/ Enkel/ Neffe etc”.
Meine Entscheidung wurde von manchen mit Unverständnis und von anderen positiv aufgefasst, das ist immer so und sollte sie nicht beeinflussen (bei der Entscheidungsfindung können die Argumente dieser Menschen aber natürlich hilfreich sein).
Es wäre auch tatsächlich der “normale” Weg gewesen Zivildienst zu machen (wie die meisten meiner Freunde) – trotzdem bin froh es nicht gemacht zu haben.
Hier sind meine Erfahrungen, die ich rückblickend für meine Entwicklung als positiv und in der Bundeswehr einzigartig betrachte:
- Monatelang mit den gleichen 5 Soldaten auf einer kleinen Stube zu leben, mit denen man im “Real Life” niemals in Kontakt kommen würde, weil sie aus anderen sozialen Schichten kommen oder eine grundverschiedene Einstellung gegenüber der Welt haben.
Dies ist zuerst ein sehr abschreckender Punkt, aber man öffnet sich natürlich wenn man soviel Zeit mit anderen Menschen verbringt nach und nach und erreicht auf diese Art und Weise Erfahrungen und Wissen, dass man sonst niemals in dieser Authentizität hätte erhalten können.
Das ist der wichtigste Punkt für mich. Wenn ich einen Zivildienst-Job gehabt hätte, dann wäre ich abends nach Hause gekommen und hätte mich wahrscheinlich von dem abgeschottet, das ist in dieser Art bei der Bundeswehr nicht möglich.
(Werdet KEIN Heimschläfer, auch wenn es bequemer ist und ihr die Möglichkeit dazu habt!) - Ich habe Einblick in die Struktur der Bundeswehr erhalten, wie die Dinge ablaufen, wie Befehle gegeben werden, wie Dinge delegiert werden und v.a. wie umständlich man Probleme lösen kann. Also die Erfahrung, wie es bei einer Armee zugeht. Dies hat mich schon seit meinen Kindertagen immer fasziniert und nun brauche ich mir über dieses Thema keine Gedanken mehr zu machen.
- Jeden Tag sein Bett machen zu müssen. =)
- In der AGA wurden wir morgens immer vom Ruf eines (Stabs-)Unteroffiziers geweckt (“Kompanie aufstehen!!!”) und abends um 23Uhr war immer “Zapfenstreich” (=Licht aus, Mund & Augen zu). Ich weiß nicht warum, aber irgendwie hatte dieses Geregelte etwas für sich
- Das Leben in einer Kaserne mitzubekommen.
- Ich bin ein dreiviertel Jahr lang die meiste Zeit in Uniform unterwegs gewesen.
- Ich habe mit einem Gewehr (G36), einer Pistole (P8), einem Maschinengewehr, einer Granatpistole und einer Panzerfaust geschossen und eine scharfe Handgranate geworfen.
Alles natürlich nur zum Übungszweck und nicht auf andere Menschen (wobei die G36-Übungen auf menschenähnliche Klappfallscheiben durchgeführt werden, was meines Wissens nach auch nur bei der Polizei, Bundeswehr, Bundespolizei etc. erlaubt ist in Deutschland). - Der normale Alltag war unter der Woche nicht spürbar. Alle Probleme, die man wenn man noch zu Hause wohnt und in die Schule oder arbeiten geht hat sind in der Art bei der Bundeswehr nicht vorhanden. Es ist ein ganz anderes nicht vergleichbares Leben.
- Ein anderer Punkt, der für mich sehr interessant zu beobachten war ist, wie sich in einer neu gebildeten Gruppe die Machtverhältnisse bilden und wie man sich selbst darin eingliedert. Mein Durchsetzungsvermögen hat es massiv gestärkt.
Wenn ich Lust habe, dann kann ich immer noch ein Praktikum beim “Essen auf Rädern” machen oder in einer Einrichtung mit Behinderten arbeiten. Die Bundeswehr aber ist einzigartig und die Chance dorthin zu gelangen ist zeitlich sehr begrenzt.
Wenn du trotz dieser vielen Vorteile glaubst, dass der Zivildienst für dich auch auf lange Sicht die bessere Lösung ist, dann lass dich nicht aufhalten.
Auch beim Zivildienst macht man wunderbare Erfahrungen, viel Spaß dabei!
Ich jedenfalls kann jedem nur den Wehrdienst empfehlen, auch wenn die Zeit oft furchtbar langweilig war *sg*.